Allen antidiskriminatorischen Bemühungen zum Trotz gibt es auch im 21. Jahrhundert an deutschen Universitäten noch typische Männer- und Frauenfächer. Wir zeigen, wo - und wie - sich die Geschlechterverhältnisse in den Hörsälen in den letzten Jahrzehnten geändert haben.

MINT ist immer noch Männersache

Eigentlich stehen Frauen1 in Deutschland heute alle Türen offen. Die feministische Bewegung mit ihren vielfältigen Unterströmungen hat seit ihren Anfängen im vorletzten Jahrhundert zahlreiche Rechte für Frauen erkämpft, die lange undenkbar waren. Dennoch halten sich manche Klischees hartnäckig: Technik und Naturwissenschaften seien “was für Männer”, soziale, künstlerische und kommunikative Aufgaben hingegen “Frauensache”. Das spiegelt sich immer noch in der Berufswahl junger Menschen wider. Die Folgen sind gravierend: Da “typische Männerberufe”, vor allem technische, oft besser bezahlt sind als “typische Frauenberufe”, tragen Stereotype in der Berufswahl erheblich zum unbereinigten Gender Pay Gap bei. Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass der Männerüberschuss in Studienfächern im sogenannten MINT-Bereich (d.h. Mathematik, Informatik Naturwissenschaft und Technik) nicht durch bessere schulische Leistungen männlicher Schüler in naturwissenschaftlichen Fächern zu begründen ist. Tatsächlich sind dort die Leistungen der Mädchen im Mittel besser, und auch die Theorie der “männlichen Überflieger” ist nicht imstande, den Männerüberschuss in MINT-Studiengängen zu erklären.

“Statistisch belegbar sind die enormen Bildungsanstrengungen, die den Mädchen und Frauen in den vergangenen Jahrzehnten gelungen sind. Sie erwerben höhere Schulabschlüsse, ihr Ausbildungsstand ist hervorragend, der Anteil von Hochschulabsolventinnen ist signifikant gestiegen, Frauen promovieren, es gibt mehr weibliche Vorbilder und Role Models” schreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf seiner Website zum Thema Chancengerechtigkeit und Vielfalt im Wissenschaftssystem. Weiterhin heißt es dort: “Sie haben hervorragende Qualifikationen, oftmals bessere Schulnoten als ihre männlichen Altersgenossen und viele von ihnen bringen ein Interesse an Technik mit: Junge Frauen sind heute so gut ausgebildet wie nie zuvor und trotzdem ergreifen immer noch vergleichsweise wenige von ihnen ein MINT-Studium.”

Diverse Förderprogramme wurden in den letzten Jahren ins Leben gerufen, um MINT-Fächer für Mädchen und Frauen attraktiver zu machen. Ein Beispiel ist das seit 2008 bestehende “Komm mach MINT” - Nationaler Pakt für Frauen in MINT-Berufen, durch das das Bundesministerium für Bildung und Forschung zusammen mit zahlreichen Partnern junge Frauen für Karrieren in naturwissenschaftlich-technischen Berufen gewinnen möchte. Seit 2001 gibt es jedes Jahr den Girl’s Day, an dem Schülerinnen einen Tag lang typische Männerberufe ausprobieren können. Viele weitere Förderprogramme sind hier aufgelistet.

Um zu untersuchen, ob sich diese Fördermaßnahmen in den Studierendenzahlen widerspiegeln und ob sich insbesondere in den letzten Jahrzehnten der Frauenanteil in unterschiedlichen Fachbereichen in unterschiedliche Richtungen bewegt hat, haben wir einen Datensatz des Statistischen Bundesamtes Deutschland mit den Anzahlen der Studierenden und StudienanfängerInnen an deutschen Hochschulen seit 1998 aufbereitet.

Änderungen der Studierenden in verschiedenen Fachbereichen in absoluten Zahlen

StudienanfängerInnen

Betrachtet man die absoluten Zahlen der StudienanfängerInnen von 1998 bis 2017, so fällt auf, dass über den Beobachtungszeitraum von 1998 bis 2017 in allen Fächergruppen bei beiden Geschlechtern eine deutliche Zunahme zu verzeichnen ist. Dabei fallen einige fachspezifische Trends auf: Bei Ingenieurwissenschaften und Sport gab es damals wie heute einen Männerüberschuss, bei Mathematik und Naturwissenschaften war es annähernd ausgewogen, in allen anderen Fachgruppen gab es über den gesamten Zeitraum mehr Frauen.

Insgesamt stieg die Anzahl in dem beobachteten Zeitraum um 89.8%, dieser Anstieg war bei den Frauen mit 97.9% deutlich höher als bei den Männern, deren Zahl im selben Zeitraum nur um 82.1% zunahm. Dies resultierte darin, dass es im Jahr 2017 mit 50.6% unter den StudienanfängerInnen einen leichten Frauenüberschuss gab, während Frauen 1998 mit 48.6% noch knapp in der Unterzahl waren.

Abb. 1 Zahl der StudienanfängerInnen in Deutschland seit 1998 nach Geschlecht und Fächergruppe

Studierende

Die bei den StudienanfängerInnen zu beobachtenden Muster finden sich im Wesentlichen auch bei den Studierenden wieder, auch wenn in einigen Fachbereichen deutlicher als bei den StudienanfängerInnen eine Zunahme des Frauenanteils zu erkennen ist.

Die stetige Zunahme der Zahl der StudienanfängerInnen spiegelt sich in einer deutlichen Zuwachs der Gesamtzahl an Studierenden wieder, die im beobachteten Zeitraum um insgesamt 58% steigt und 2017 bei über 2.84 Millionen liegt. Auch hier ist insgesamt eine stärkere Zunahme bei den Frauen zu verzeichnen, deren Anzahl sich um 72.5% erhöhte, während die Anzahl männlicher Studierender im selben Zeitraum nur um 46.5% anstieg. Im Jahr 2017 bestand mit 1.46 Mio. männlichen und 1.38 Mio. weiblichen Studierenden eine annähernde Parität zwischen den Geschlechtern.

Abb. 2 Zahl der Studierenden in Deutschland seit 1998 nach Geschlecht und Fächergruppe

Änderungen des Frauenanteils in verschiedenen Fachbereichen

Studienanfängerinnen

Trotz der absoluten Zunahme der Studierendenzahlen blieb der Frauenanteil unter StudienanfängerInnen in den letzten 20 Jahren in vielen Diszipinen im Wesentlichen konstant. Nur in den Bereichen Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften (57,8% auf 70%), Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (53,9% auf 59,6%) und Ingenieurwissenschaften (19,4% auf 24,6%) gab es deutlich sichtare Anstiege. Insgesamt war und ist der Frauenanteil unter den StudienanfängerInnen bei den IngenieurInnen mit Abstand am niedrigsten, gefolgt von Sport. Bei Mathematik/Naturwissenschaften lag er bei ca. 50%, bei allen anderen Fächergruppen gab es einen Frauenüberschuss. StudienanfängerInnen der Geisteswissenschaften hatten im Jahr 2017 mit 71% den höchsten Frauenanteil.

Auffällig ist die Heterogenität innerhalb der Fächergruppen. Während die StudienanfängerInnen in den meisten Ingenieurwissenschaften nur einen Frauenanteil von unter 30% haben, wird ein Studium der Raumplanung oder Architektur inzwischen von mehr Frauen als Männern begonnen. In den Naturwissenschaften gibt es in der Physik mit Abstand die wenigsten Studienanfängerinnen. Im Bereich Agrar-, Forst-, Ernährungswissenschaften und Veterinärmedizin stechen die Forstwissenschaften durch einen besonders niedrigen Frauenanteil bei den StudienanfängerInnen heraus (2017: 36%); bei Veterinärmedizin und Ernährungs- und Haushaltswissenschaften lag er 2017 jeweils über 80%.

Abb. 3 Frauenanteil in Prozent bei StudienanfängerInnen in Deutschland seit 1998. Blau: Frauenanteile der einzelnen Studienbereiche (Namen können durch Überstreichen mit dem Cursor abgerufen werden). Schwarz: Durchschnittliche Frauenanteile der Fächergruppen.

Studierende

Bei den Studierenden sind die Unterschiede zwischen den Fächergruppen und Studienbereichen sehr ähnlich wie bei den AnfängerInnen - insgesamt zeichnen sich die selben Fächer durch jeweils hohe oder niedrige Frauenanteile und ähnliche Änderungstendenzen aus. Im Gegensatz zu den StudienanfängerInnen sieht man hier jedoch bei vielen Fächergruppen deutlichere Aufwärtstrends. Sichtbare Zunahmen gab es bei Medizinern, die ausgehend von einem relativ ausgeglichenen Geschlechterverhältnis in den letzten beiden Jahrzehnten zu einer regelrechten Frauendomäne evolvierten, sowie bei Ingenieurwissenschaften und Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. In den Disziplinen Mathematik/Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Agrar-/Forst-/Ernährungswissenschaften/Veterinärmedizin stagnierte das Geschlechterverhältnis der Studierenden. Eine fächergruppenübergreifende Abnahme des Frauenanteils war nur bei den Sport-Studierenden zu verzeichnen. Diese Tendenzen decken sich überwiegend mit den Veränderungen der StudienanfängerInnen, die einzige Ausnahme bildet hier Sport - dort sank der Frauenanteil der Studierenden trotz des konstant bleibenden Frauenanteils der StudienanfängerInnen.

Es ist augenfällig, dass es über den beobachteten Zeitraum in vielen männerdominierten Disziplinen sowohl bei AnfängerInnen als auch bei Studierenden zu einer Zunahme des Frauenanteils kam, während das umgekehrte Phänomen - die Zunahme des Männeranteils eines bereits frauendominierten Fachs - die absolute Ausnahme darstellte. Stattdessen kam es zum Teil sogar noch zu einer Zunahme des Frauenanteils bereits frauendominierter Fächer.

Abb. 4 Frauenanteil in Prozent bei Studierenden in Deutschland seit 1998. Blau: Frauenanteile der einzelnen Studienbereiche (Namen können durch Überstreichen mit dem Cursor abgerufen werden). Schwarz: Durchschnittliche Frauenanteile der Fächergruppen.

Dr. Sophie-Charlotte August vom Gleichstellungsbüro der Fakultät für Physik an der Georg-August-Universität Göttingen erklärt den niedrigen Frauenanteil in den MINT-Studienfächern folgendermaßen: “Das fängt schon früh an: Schon im Kindergartenalter prägen geschlechtertypische Rollenklischees die Interessen. Später in der Schule werden Mädchen laut einer Studie in den MINT-Fächern bei gleicher Leistung um bis zu 0.9 Notenpunkte schlechter benotet als Jungen.”

Außerdem fehlen, so August, konkrete Berufsbilder. “Auch später, während ihrer wissenschaftlichen Karriere, müssen Frauen in männerdominierten Domänen oft stärker um Anerkennung und Respekt ringen als ihre männlichen Kollegen.”

In welchen Studienfächern haben sich die Frauenanteile von 1998 bis 2017 am stärksten geändert?

StudienanfängerInnen

Insgesamt belegen die Daten einen Anstieg der Frauenanteile in den meisten Fächern - aber steigen sie in den bisher männerdominierten MINT-Fächern überproportional schnell, eventuell als Folge der oben genannten Fördermaßnahmen? Die Frage ist nicht pauschal zu beantworten, da es weder bei den AnfängerInnen noch bei den Studierenden innerhalb der Disziplinen eindeutige gerichtete Trends in der Änderung des Geschlechterverhältnisses gibt.

Bei den StudienanfängerInnen befanden sich mehrere klar männerdominierte Fächer in den Top 10 der Fächer mit dem stärksten Zuwachs des Frauenanteils (Wirtschaftsingenieurwesen, Physik, Elektrotechnik, Informatik). Jedoch nahm auch bei weiblich dominierten Fächern der Frauenanteil teilweise beträchtlich zu (Bildende Kunst, (Zahn-)medizin). Eine Abnahme des Frauenanteils gab es vor allem im Bereich Mathematik/Naturwissenschaften allgemein2, Regionalwissenschaften und Musik.

Abb. 5 Studienbereiche mit den stärksten Änderungen des Frauenanteils bei StudienanfängerInnen 1998 - 2017. Gestrichelte Linie: Fächerübergreifender Durchschnitt.

Studierende

Auch bei den Studierenden befinden sich unter den Fächern mit dem stärksten Zuwachs sowohl einige klassische Männerdomänen (Physik, Wirtschaftsingenieurswesen, Forstwissenschaften und Bauingenieurswesen) als auch mit Zahnmedizin und Humanmedizin zwei schon lange frauendominierte Fächer. Auch die Abhnahmen betreffen sowohl klassische Männer- als auch Frauenfächer. Ein klares Muster ist demnach auch hier nicht zu erkennen. Interessant ist, dass es bei allen bis auf 7 Studiengängen (blau in Abb. 6) über das Beobachtungsintervall eine Zunahme des Frauenanteils unter den Studierenden gab.

Abb. 6 Studienbereiche mit den stärksten Änderungen des Frauenanteils bei Studierenden 1998 - 2017. Gestrichelte Linie: Fächerübergreifender Durchschnitt.

Sind Männerdomänen stärkeren Änderungen unterworfen?

Da die Entwicklung innerhalb der Fächergruppen sehr heterogen ist und die Gruppen die unterschiedlichen Studienbereiche nicht gut widerspiegeln, ist die Frage interessant, ob es konsistente Trends bei Fächern gibt, die zu Beginn der untersuchten Zeitreihe in 1998 männerdominiert, frauendominiert oder in etwa gleich besetzt waren. Es ist auffällig, dass - auch wenn die Zunahme des Frauenanteils bei den Männerdomänen am größten ist - alle drei Gruppen im untersuchten Intervall im Mittel an Frauen dazugewinnen, selbst die Studienbereiche, die auch 1998 schon von überdurchschnittlich vielen Frauen studiert wurden.

Abb. 7 Änderungen des Frauenanteils unter der Studierenden bei Fächern, die 1998 frauendominiert, in etwa gleich besetzt und männerdominiert waren.

Es ist offensichtlich, dass dieses Muster nur dadurch zu erklären ist, dass es in allen drei Sektoren insgesamt eine Zunahme der Studierendenzahlen gab, die insbesondere von einem Zuwachs an Frauen getrieben wurde. Bei gleichbleibenden Studierendenzahlen müsste eine Zunahme des Frauenanteile in einem Fachbereich mämlich zwangsläufig mit einer Zunahme des Männeranteils in einem anderen Bereich einhergehen.

Abb. 8 Änderungen der Studierendenzahlen bei Fächern, die 1998 frauendominiert, in etwa gleich besetzt und männerdominiert waren.

Verhältnis der Frauenanteile bei StudienanfängerInnen und Studierenden

Um die kontraintuitiven Unterschiede in der zeitlichen Entwicklung des Frauenanteils unter den StudienanfängerInnen und Studierenden zu verstehen, ist eine Betrachtung des Verhältnisses der beiden Anteile hilfreich: Liegt dieses Verhältnis über 1, gibt es unter den AnfängerInnen einen höheren Frauenanteil als unter der Gesamtzahl der Studierenden; liegt das Verhältnis unter 1, haben die AnfängerInnen einen geringeren Frauenanteil. Der vorliegende Datensatz legt nahe, dass der Frauenanteil im Mittel bei allen Fächergruppen unter den AnfängerInnen größer war als unter den Studierenden.

Sofern es keine geschlechterspezifischen Unterschiede in den Studiendauern und Abbrecherquoten gibt, folgt aus einem höheren Frauenanteil bei den StudienanfängerInnen automatisch eine zeitliche verzögerte Zunahme des Frauenanteils bei den Studierenden, selbst wenn der Frauenanteil bei den AnfängerInnen nicht mehr ansteigt. Diese Zunahme hält so lange an, bis sich die Frauenanteile unter AnfängerInnen und Studierenden angeglichen haben. Das Verhältnis der beiden Anteile nähert sich in diesem Fall langsam einem Wert von 1 an. In dem untersuchten Datensatz ist eine derartige Abnahme bei einigen Fächergruppen insbesondere Ende der neunziger/Anfang der nuller Jahre zu beobachten. Die Änderung des Verhältnisses der Frauenanteile zusammen mit der weitgehenden Konstanz der Frauenanteile bei den StudienanfängerInnen in vielen Fächergruppen deutet darauf hin, dass die gesellschaftlichen Änderungen, die die Zunahme des Frauenanteils unter den Studierenden bewirkt haben, zu einem großen Anteil bereits vor Beginn des beobachteten Zeitraums in Gang gesetzt wurden und sich mit einer gewissen Verzögerung in den Studierendenzahlen niederschlagen.

Ein interessantes Detail in den Daten ist das Stagnieren des Frauenanteils bei den Sportstudierenden auf niedrigem Niveau trotz des konstant größeren Frauenanteils bei den StudienanfängerInnen. Die einzig möglichen Erklärungen dafür sind a) längere Studiendauer bei männlichen Sportstudenten und b) höhere Abbruchquoten bei Frauen.

Abb. 9 Verhältnis der Frauenanteile bei StudienanfängerInnen zu den Frauenanteilen bei Studierenden. Werte größer als 1 bedeuten, dass es bei den AnfängerInnen einen größeren Frauenanteil gab als bei den Studierenden.

Fazit

Die verfügbaren Daten des statistischen Bundesamtes legen nahe, dass es in den vergangenen Jahrzehnten eine drastische Zunahme der Studierendenzahlen in Deutschland gab. Dabei kam es auch zu einem näherungsweisen Angleichen des Frauenanteils. Dieses Angleichen der weiblichen und männlichen Studierendenzahlen wirkte sich jedoch nicht gleichermaßen auf alle Fächerbereiche aus. Insgesamt gehen die Änderungen der Geschlechterverhältnisse bei den Studierenden sehr langsam vonstatten. Auch wenn sich bei den am stärksten männerdominierten Studiengängen - insbesondere Physik, Forstwirtschaft und Ingenieurswissenschaften - ein merkbarer Frauenzuwachs verzeichnen lässt, ist der Männerüberschuss in diesen Disziplinen nach wie vor beträchtlich. Viele der für die Änderungen des Frauenanteils unter den Studierenden relevanten gesellschaftlichen Prozesse dürften lange vor Beginn des untersuchten Zeitraums begonnen haben und sich mindestens ebenso stark in den Fächern auswirken, die nicht dem MINT-Sektor zugeordnet werden.

Um auf ein langfristiges Angleichen des Geschlechterverhältnisses hinzuwirken, hält Dr. August vom Gleichstellungsbüro der Physik-Fakultät in Göttingen Maßnahmen für sinnvoll, die bei Kindern und ihren LehrerInnen ansetzen. Ihr Fokus liegt dabei auf Öffentlichkeitsarbeit, die zum Ziel hat, Kinder und insbesondere auch Mädchen für Physik zu begeistern. Außerdem würde sie sich wünschen, dass angehende LehrerInnen in ihrer Ausbildung mehr für das Thema sensibilisiert werden.

Interessanterweise geht aus den uns vorliegenden Daten hervor, dass der Frauenanteil in den am stärksten männerdominierten Studienbereichen in den letzten Jahrzehnten merklich zugenommen hat, während das umgekehrte Phänomen - ein Angleichen des Männeranteils in frauendominierten Fächern - die absolute Ausnahme darstellt. Diese Entwicklung ist allein getrieben durch die Zunahme der Studierendenzahlen (insbesondere durch die überproportional große Zahl weiblicher Studienanfängerinnen) und daher auf die Dauer nicht nachhaltig. Bei gleichbleibenden Studierendenzahlen wird die Frage der Geschlechterverhältnisse zu einem Nullsummenspiel - mehr Frauen in einem Bereich sind nicht möglich ohne mehr Männer in einem anderen Bereich. Da die Studierendenzahlen nicht ewig ansteigen können, sollte zweckdienliche Öffentlichkeitsarbeit daher auch die Erhöhung des Männeranteils in diesen Fächern zum Ziel haben, damit Geschlechterunterschiede in der Studienfachwahl und daraus resultierende Probleme wie geschlechterspezifische Unterschiede im Durchschnittseinkommen wirksam bekämpft werden können.


Dieses Projekt entstand im Rahmen des Blockseminars Einführung in den Datenjournalismus unter Leitung von Anna Behrend im Februar/März 2019.

Die dem Projekt zugrundeliegende Datenanalyse ist zu finden auf der Projektseite auf Github

Der verwendete Datensatz ist frei verfügbar auf dem Datenbankportal des deutschen statistischen Bundesamtes


  1. Wir nutzen in unserem Artikel die binären Geschlechterkategorien, die das statistische Bundesamt in seinen Datensätzen nutzt. Uns ist bewusst, dass diese Kategorisierung problematisch ist für Menschen, deren soziales Geschlecht von ihrem biologischen Geschlecht abweicht und u.U. gar nicht in einer binären Kategorie zu fassen ist. Trotz ihrer Schwächen hat diese Kategorie aber - wie unser Artikel demonstriert - einen großen Wert für deskriptive Analysen.

  2. Die vom StBA unter “Mathematik/Naturwissenschaften allgemein” klassifizierten Studienfächer beinhalten interdisziplinäre Fächer sowie Lehramts-Studiengänge. Wir vermuten, dass die starken Änderungen durch Neustrukturierungen in der Fächerklassifikation entstanden sind.